LAURA SHANNON

FOLK DANCE - CIRCLE DANCE- SACRED DANCE - WOMEN'S RITUAL DANCE

(2019), 'Der Tanz der Berggöttin von Marokko – Laura Shannon 2019'

Bei der Forschungsarbeit über die Wurzeln der traditionellen Kreistänze liefern die Muster der Tanztrachten wertvolle Hinweise zum Verständnis der im Tanz kodierten Weisheit. Osteuropäische Stickereiarbeiten der Göttin liefern eine visuelle Vorlage, eine Reflektion der verkörperten Erfahrung der Tänzerinnen und Tänzer von transpersonaler Kraft und Präsenz im Tanz. Schlüsselmuster in Textilen und anderen Formen der Volkskunst erscheinen genauso im Tanz und in archäologischen Funden, ein Hinweis auf die Kontinuität der Symbolik, die ein Indiz für das mögliche Alter der Tänze ist.

Die “Bedeutung” eines Symbols lässt sich nur schwer genau ausdrücken: wie Marija Gimbutas erklärt, waren Symbole in der Kunst der die Göttin verehrenden Zivilisationen des Alten Europa polyvalent und enthielten zahlreiche Bedeutungen gleichzeitig. Und doch, wie ihre sorgfältige Bewahrung und Weitergabe über Tausende von Jahren beweist, hatten (und haben) diese Symbole sicherlich eine Bedeutung. Wir finden ähnliche Muster in einem weiten geografischen Bereich, darunter die hauptsächlichen Gebiete, in denen Kreistanz noch heute existiert. Gemeinsame Motive in Mythos und Legende, Textilien und Tanz zeigen historische und kulturelle Verbindungen zwischen verschiedenen Orten und Völkern. Die Kultur der Berber oder Amazigh in Nordafrika ist über 8000 Jahre alt und übte einen starken Einfluss auf die archaische Kultur Griechenlands aus, wo traditionelle Kreistänze zum Teil ihre Wurzeln haben. Noch überlebende Aspekte der Tradition der Berber können wertvolle Einsicht in den Ursprung des Tanzes gewähren.

Die uralten Motive der Berggöttin, der geflügelten Göttin und der Geburtsgöttin sind von besonderer Bedeutung für die traditionellen Frauentänze. Sheila Paine erforschte über Jahre dreieckige Amulette, die mit der Göttin identifiziert werden, und reiste dazu von Afganistan nach Afrika, durch Russland, die Türkei und Griechenland. Sheilas Meinung nach ist das typische Amulett ein Dreieck (der Körper der Göttin), verziert mit drei hängenden Quasten, die die Beine der Großen Mutter und den Kopf des hervorkommenden Babys zwischen ihnen darstellen. Nachdem mir dieses Muster der Göttin an vielen Orten meiner eigenen Reisen in Verbindung mit dem Tanz begegnet war, freute ich mich, es auch im Süden Marokkos zu entdecken.

Das klassische dreieckige Amulett mit drei Anhängern kommt in vielen Formen vor, mit zahlreichen Beispielen in Schmuck, Lederarbeit, Teppichen, Keramik und anderen Gegenständen im Labyrinth des Souks von Taroudant. Berberfrauen tragen ihre Babys in Tüchern mit Göttin-Stickerei und tragen selber Schürzen mit Stickereien der Göttin.

handbestickte Berberschürze aus dem Süden der Berge des Hohen Atlas, Marokko (Foto: Laura Shannon)
handbestickte Berberschürze aus dem Süden der Berge des Hohen Atlas, Marokko (Foto: Laura Shannon)

Das hauptsächliche Motiv ist ein Dreiecksmuster, das uralte Symbole der Göttin enthält: Berg, Mutter und Tochter, Lebensbaum, Zickzack, und Zeichen des Lebens. Die Berberfrauen nennen es Lakbab (Lbrouj für eine kleinere Version) und glauben, dass es Gesundheit, Reichtum, Fruchtbarkeit, Wohlstand und alle guten Dinge vermittelt. Es ist ein beliebtes Muster für Hennatätowierungen und kommt vor auf archäologischen Funden aus dem Neolithikum.

Auf dem Berbermarkt suchte ich nach diesen Schürzen und Babytüchern, bekam aber überall dieselbe Antwort: niemand stickt mehr mit der Hand, die Frauen haben nicht mehr die Zeit dafür und niemand kann sich den Kaufpreis leisten. Es gab nur grob mit der Maschine gestickte Versionen.

maschinenbesticktes Babytragetuch vom Berbermarkt in Taroudant (Foto: Laura Shannon)
maschinenbesticktes Babytragetuch vom Berbermarkt in Taroudant (Foto: Laura Shannon)

Selbst diese verwenden immer noch nur die traditionellen Farben Dunkelrot, Dunkelblau, Pink oder Grün, und zeigten immer die traditionellen Muster der Göttin. Die Frauen versicherten mir, dass die glückbringenden Muster “immer noch funktionieren”, ob sie mit der Hand oder mit der Maschine gestickt sind! Mit der Hilfe der wunderbaren Frauen im La Maison Anglaise gelang es mir schliesslich, ein exquisites Set für ein Brautbett zu kaufen, handbestickte Laken und Kissenbezüge.

handbesticktes Hochzeitstuch aus Taroudant, Marokko (Foto: Laura Shannon)
handbesticktes Hochzeitstuch aus Taroudant, Marokko (Foto: Laura Shannon)

Wir waren jedoch sehr betroffen von dem scheinbar unmittelbar bevorstehenden Verschwinden dieser traditionellen Kunst. Jane Bayley, Besitzerin von La Maison Anglaise, hat in der Gegend zahlreiche ökologisch-nachhaltige Projekte gestartet, also schien ein Stickprojekt für Frauen die offensichtliche Lösung zu sein. Jetzt besticken Frauen in den Dörfern kleine Stücke mit traditionellen Mustern und verkaufen sie an Besucher, damit bleiben die Fähigkeiten lebendig und werden an jüngere Frauen weitergegeben. Die Künstlerinnen erhalten für ihre Arbeit eine angemessene Bezahlung, damit wiederum steigen für die Frauen ihr Selbstwertgefühl und ihr Status in Familie und Gemeinschaft. Ihr könnt mehr über das Stickprojekt erfahren (und bestellen) auf https://cecu.co.uk/projects/.

Warum die Berggöttin? Berge bringen Regen. Sie fangen die Wolken, senden die Nässe nach unten in Bächen und Flüssen, und schenken dem Land Leben. Die von den gestickten Figuren ausstrahlenden “Lebenszeichen” zeigen den Berg als Quelle des Lebens, personifiert als Frau, weil Frauen genauso die Quelle des Lebens sind.

Dies ist auch im Tanz der Frauen reflektiert. Dounia und Latifa vom La Maison Anglaise erklären: “Marokkanische Frauen tanzen bei Feiern und Hochzeiten, als eine Feier des Lebens und der Tradition. Der Bauchtanz der Frauen ist eine spirituelle Verbindung zwischen Geist und Körper, Ausdruck der Freude, des Wohlergehens, der Freiheit. Und vor allem ist Tanz eine Feier der weiblichen Seele und des inneren Geistes durch Bewegung.”

Marokkanischer Tanz ist oft ausgerichtet auf eine transpersonale Erfahrung, zum Beispiel in dem als Guedra bekannten Trancetanz der Frauen. Über die Jahre hatten meine Gruppen in Marokko das ausserordentliche Privileg, traditionelle Musik und Heiltänze mit Gnaoua, Ahwash, Berber und Sufi Bands zu erleben.

Die Berberfrauen in der Band, die regelmässig im La Maison Anglaise für uns spielen und tanzen, sind selber wie Berge von Kraft und Ruhe. Ihre zeremonielle Kleidung hat vorne zwei zusätzliche Stoffstreifen, die die Frauen beim Tanzen mit der Hand halten, so dass es aussieht, als hätten sie Flügel. Ihre roten Kopftücher sind mit langen roten Fransen verziert; Elizabeth Wayland Barber benennt die roten Fransen als das älteste bekannte Kleidungsstück der Frauen, mehr als zwanzigtausend Jahre alt und assoziiert mit der Bedeutung von Regen und Fruchtbarkeit.

Diese Frauen zeigen eine erstaunliche Qualität von Kraft, Zufriedenheit, Verbindung und entspannter Autorität. Durch Musik und Tanz bestätigen sie die Solidarität der Gruppe und stärken die Gemeinschaft. Dies alles sind Qualitäten der alten Kultur der Göttin, wie sie von Marija Gimbutas, Riane Eisler, Carol P. Christ und anderen artikuliert wurden. Wenn sie sich in einem geschützten Raum versammeln, zeigen die Frauen die Freude und Schönheit ihres Zusammenseins. Ich bin davon überzeugt, dass die beeindruckende Aura von Kraft und Präsenz in diesen Frauen zumindest teilweise auf drei essentiellen Elementen beruht: das Überleben der uralten präislamischen Berberkultur mit ihren egalitären matriarchalen Wurzeln; der Einfluss der zahlreichen Sufi Tariqas im Süden Marokkos, die lehren, dass jede Religion durch das Öffnen des Herzens ein Weg zum Göttlichen ist; die Tatsache, dass weibliche Genitalverstümmelung im Süden von Marokko nicht praktiziert wird, so dass Mädchen und Frauen stark und ohne Angst aufwachsen.

Was hat die Berggöttin zu tun mit Tanz? Die aufrechte, symmetrische Haltung der Berggöttin ist die essentielle Haltung der Kraft; die dreieckige Göttin, ihre Hände im Segen erhoben, ist auch die tanzende Frau, die Hände zum Tanz erhoben. Der bestickte Saum einer Schürze aus dem 19. Jahrhundert aus Razgrad in Bulgarien zeigt Figuren der Berggöttin, verbunden in einer Tanzreihe, sie strahlen Lebenszeichen oder Energiewellen aus und halten Lebensbäume.

bestickte Kante einer Schürze aus dem 19. Jhdt. aus Razgrad, Bulgarien (Foto: Laura Shannon)
bestickte Kante einer Schürze aus dem 19. Jhdt. aus Razgrad, Bulgarien (Foto: Laura Shannon)

Solche Schürzen wurden nicht täglich getragen, sondern waren ein essentieller Teil der Festtracht, die eine Frau aus dem Persönlichen in das Transpersönliche transformiert. Seit alter Zeit sind Kleidung, Tanz und Lied die rituellen Elemente, die uns unserer persönlichen Begrenzungen entheben und verbinden mit etwas, das grösser, stärker, älter und weiser ist als wir. Wir können uns für eine Weile von den täglichen Belangen freimachen, und kehren zu ihnen zurück mit dem erfrischten Gefühl persönlicher Kraft und transpersonaler Verbindung, das das Tanzen uns vermittelt.

Wenn wir besser verstehen, woher die Haltungen und Gesten, die Muster und Symbole unserer traditionellen Tänze kommen, können wir genauso besser verstehen, was es heisst, aufrecht im Kreis zu stehen, verbunden mit der Erde, dem Himmel, uns selbst und miteinander. Das Wissen darum was wir tun und warum wir es tun, verbunden mit der Einsicht in die uralten Wurzeln unseres Tuns, hilft uns auf präsentere Weise zu tanzen. Damit sind wir in der Lage, bewusst und absichtsvoll die lebensspendenden Kräfte anzurufen: Segen, Heilung, Ermächtigung und Transformation, nicht zuletzt Freude, die von Beginn an von den traditionellen Kreistänzen verkörpert wurden. Indem wir die Universalität der Muster, Erfahrungen und Gefühle im Herzen der Frauentänze verstehen, sehen wir unsere Verbindung mit Frauen anderer Zeiten, anderer Orte, anderer Kulturen und anderer Religionen. Diese universellen Stickmotive lehren uns, dass wir alle Töchter der Göttin und Schwestern in der menschlichen Familie sind, und dieses Wissen ist die Grundlage, auf der wir eine Kultur des Friedens aufbauen können.

Lauras nächste Women's Ritual Dance and Culture Touren nach Südmarokko finden statt 3. - 15.Oktober 2019 und 28. April – 9. Mai 2020, für Frauen, die bereits mit Laura getanzt haben. Die Tour 18. - 28. April 2020 ist für Frauen, die an einer von Lauras zweijährigen Ausbildungen teilgenommen haben. In diesen Touren sind noch ein paar Plätze frei. www.laurashannon.net

This article appeared in Neue Kreise Ziehen, 2/2019